Homosexualität und die Bibel ... gute oder schlechte Botschaften?
*Copyright 1994 Universal Fellowship of Metropolitan Community Churches.
Ursprünglich herausgegeben unter dem Titel: "Homosexuality: What the Bible Does and Does not Say" ©1984 (Homosexualität: Was die Bibel sagt und was sie nicht sagt).
Revidiert von Nathan L. Meckley ...
Birgt die Bibel gute oder schlechte Botschaften?
Lesben und Schwule werden aufgrund von gesellschaftlichen Einstellungen oft diskriminiert. Leider werden diese Einstellungen häufig von der Kirche gelehrt und die Bibel oft als Waffe zum so genannten "Gay-Bashing" benutzt. Wir sollten stets daran denken, dass solche verletzenden Dinge weder Jesus, noch Gottes Vorstellung von seiner Kirche noch das, was die Bibel wirklich sagt, reflektieren. Sie sind vielmehr das Produkt der fehlbaren und unvollkommenen Menschen, die diese Kirchen leiten.
Im Endeffekt sollte sich der persönliche Glaube eines Christen nicht auf eine bestimmte Kirche oder einen bestimmten Geistlichen stützen, sondern einzig und allein auf Jesus Christus. Nicht nur die voreingenommenen Lehren gewisser Kirchenmänner bilden manchmal für homosexuelle Christen einen Stolperstein, sondern auch die Heilige Schrift selber.
Ein aufmerksames Studium der Bibel zeigt, dass sie für Schwule und Lesben durchaus gute Botschaften hat und dass sie über Homosexuelle mitnichten das aussagt, was Sie vielleicht dachten!
Ein neues Verständnis der Bibel ...
Beim Lesen der Bibel sollte man mindestens zwei wichtige Dinge beachten.
Zunächst einmal wäre da der Kontext. Um ein Schriftstück zu verstehen (gleichgültig, ob es sich um einen Brief, eine Rede oder gar die Bibel handelt), muss man den Hintergrund verstehen. Denken Sie daran, wer da spricht, an wen es sich richtet, warum es geschrieben worden ist und wie die Kultur zu der Zeit war.
Im Falle der Heiligen Schrift war der kulturelle und soziale Kontext in biblischen Zeiten ganz anders als heutzutage. Wenn es beispielsweise in der Bibel heißt, Gott befehle der Menschheit "hinzugehen und sich zu mehren", so war damit Israel angesprochen, ein kleines Wüstenland, umgeben von zahlreichen Feinden. Sie mussten sich also "mehren", um überhaupt zu überleben.
Zweitens bestand die Bibel ursprünglich aus mündlichen Überlieferungen und wurde erst später im Laufe vieler Jahrhunderte in alten Sprachen aufgeschrieben (das Alte Testament hauptsächlich auf Hebräisch und das Neue Testament meist auf Griechisch). Sie wurde schon in den ursprünglichen Sprachen immer wieder kopiert und schließlich in andere Sprachen übersetzt. Wie jeder weiß, der mehr als eine Sprache spricht oder liest, erfordert eine Übersetzung Interpretationen und persönliches Urteilsvermögen. Selbst bei besten Absichten können Übersetzern und Kopisten durchaus Fehler unterlaufen.
Die hebräischen Schriften ...
Sodom, die Schöpfung und das Gesetz:
Die hebräischen Schriften erzählen uns eine faszinierende Geschichte von epischen Ausmaßen; sie umfassen zahlreiche Bücher und Schriften. Das war die Bibel, die Jesus kannte und studierte. Für Christen bildet sie nach wie vor das Fundament ihrer Glaubensgeschichte. Und sie enthält einige der populärsten gegen Schwule und Lesben verwendeten Zitate.
Worin lag die Sünde von Sodom in 1 Mose (Genesis) 19,1-28?
Diese Passage aus dem Alten Testament wird oft fälschlicherweise als "biblischer Beweis" dafür angeführt, dass Homosexuelle nicht gottgefällig seien. Viele Menschen meinen, diese Städte seien zerstört worden, weil die Einwohner die "Sünde der Homosexualität" begangen hätten. Wenn man jedoch behauptet, Sodom und Gomorrha wären wegen Homosexualität zerstört worden, interpretiert man die Heilige Schrift falsch.
Der Prophet Hesekiel erzählt uns in einem gleichermaßen inspirierten Bibelbuch, dass Sodom Gottes Zorn aus ganz anderen Gründen auf sich gezogen hatte. "Siehe, das war die Sünde deiner Schwester Sodom: Hochmut, Speise in Fülle und sorglose Ruhe wurde ihr und ihren Töchtern zuteil; aber dem Armen und Bedürftigen reichten sie nie die Hand, sondern sie waren stolz und verübten Gräuel vor mir (wortwörtlich "praktizierten Götzenverehrung"). Deswegen habe ich sie auch hinweggetan, als ich es sah (Hesekiel 16,49-50, Neue internationale Version, englisch).
In allen anderen Bibelreferenzen (und es gibt einige davon) werden Dinge wie Hochmut und Ungastlichkeit als die verdammungswürdigen "Sünden von Sodom" genannt. Die Einwohner von Sodom brachen das Gesetz der Gastfreundschaft, das in ihrer Kultur einen überaus hohen Stellenwert besaß. Der Ausdruck "Bringe diese Männer heraus zu uns, daß wir sie erkennen" (Genesis 19,5) ist die Basis für die meisten Fehlinterpretationen. Das hier verwendete hebräische Verb "yadha" (erkennen) findet sich in den hebräischen Schriften 943 Mal; nur an zehn Stellen bezieht es sich auf Geschlechtsverkehr - und in all diesen Fällen sind heterosexuelle Beziehungen gemeint. Aber selbst wenn die Bewohner von Sodom tatsächlich einen "homosexuellen" Übergriff auf die Engel versucht hätten, würde diese Passage als eindeutige Verurteilung von Vergewaltigungen dienen (sicherlich eine extreme Form von Ungastlichkeit). Vergewaltigungen, seien sie nun heterosexueller oder homosexueller Art, sind unter allen Umständen Sünde.
"Gott hat Adam und Eva und nicht Adam und Stefan geschaffen," hört man wieder und wieder von jenen, die Schwule und Lesben ablehnen. Im Gegensatz zu anderen Referenzen glaubt man, das Genesis 1 und 2 Homosexualität verurteilen, weil sie nicht genannt wird. Dieses Argument lässt sich jedoch kaum halten. Zunächst einmal wurde Eva nicht nur zur geschlechtlichen Fortpflanzung geschaffen, sondern auch, um Adam Gesellschaft zu leisten (Gen. 2,18). Und das ist mit Sicherheit die Basis für die meisten Liebesbeziehungen, ob nun hetero- oder homosexuell. Außerdem sind die Schilderungen der Schöpfung und die frühen Geschichten im 1. Buch Mose eine Erklärung und keine Vorschrift. Würde man diese Geschichten als wortwörtliche Regeln ansehen, müsste man merkwürdige Schlussfolgerungen ziehen. Beispielsweise würde das besagen, dass Brüder und Schwestern geeignete Ehepartner abgeben würden. Wie sonst hätten sich Adams und Evas Kinder vermehren können? Wenn die Heilige Schrift so ausgelegt wird, werden mehr schwierige Fragen aufgeworfen als beantwortet.
Anhand von anderen selektiven hebräischen Schriften soll gezeigt werden, dass die Bibel einen schwulen Lebensstil verdammt. Zwei davon finden sich im Buch Leviticus (3 Mose), 18,22 und 20,13: "Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Greuel." Jemand, der diese Verbote zitiert, sollte diese Kapitel in Gänze oder noch besser das komplette Buch Leviticus lesen. Das levitische Gesetz verbietet nämlich auch den Verzehr von Schweinefleisch, Hummern, Garnelen, Austern oder nicht durchgegartem Fleisch, Geschlechtsverkehr während der Monatsregel der Frau sowie die Kreuzung von Vieh und beinhaltet eine Menge anderer Vorschriften, einschließlich der, alle Ehebrecher zu töten.
Referenzangaben zur Homosexualität im Neuen Testament ...
Das Gesetz der Liebe
Was ist die grundlegende Botschaft der Bibel und des Evangeliums Jesu Christi? Als Christen glauben wir daran, dass die hebräischen Schriften eine göttlich inspirierte Offenbarung von Gottes Bündnis mit seinem auserwählten Volk und eine relevante Studie der hebräischen Geschichte sind. Und vor allem sind sie Teil einer fortwährenden Geschichte und ein Erlösungsversprechen. Außerdem gilt für uns als Christen das Gesetz Jesu Christi, und dieses Gesetz ist das Gesetz der Liebe. Dessen Grundstein ist das Doppelgebot "Gott zu lieben und deinen Nächsten wie dich selbst zu lieben".
Weder Jesus noch Paulus noch die Schriften des Neuen Testaments besagen, dass sich Christen an die kultischen oder ethischen Regeln des Gesetz Moses halten müssen. Paulus lehrte eindeutig, dass Christen nicht mehr dem altem Gesetz (Galater 3,23-25) unterstanden, dass das alte Gesetz in Christus Vollendung fand (Römer 10,4) und dass seine Erfüllung in der Liebe liegt (Römer 13,8-10, Galater 5,14). Jesus befasste sich mit der menschlichen Sexualität in offener und unbedrohlicher Weise. Er betonte einerseits zwar, die Ehe sei eine gute Einrichtung, erklärte andererseits aber auch, sie sei nicht für jeden das Richtige (Matthäus 19,3-12). Außerdem ist in der Bibel nicht ein einziges, von Jesus ausgesprochenes Wort zu finden, das Homosexualität verdammt.
Das kommt mir griechisch vor!
Im Neuen Testament finden sich drei Schriften, die häufig als Beweis für die "Sündhaftigkeit der Homosexualität" zitiert werden. Es gibt zahlreiche englische Bibelversionen, und jede hat andere Übersetzungen für die altgriechischen Passagen; daher hängt so manches Bibelwort von der jeweiligen Version bzw. Übersetzung ab. Paulus verwendet in zwei sehr ähnlichen Passagen zwei bestimmte Wörter: "malakos" und "arsenokoitai". Sie kommen in 1 Korinther 6,9 und 1 Timotheus 1,10 vor. Wortwörtlich bedeutet "malakos" weich, fein, flüssig, zart oder sanft und "arsenokoitai" Mann-Bett.
In dem zu Zeiten des Paulus gesprochenen Griechisch bedeutet keines dieser Wörter "homosexuell". Leider gibt es unter den Gelehrten der Bibelsprache keinen Konsens, was diese Wörter im Kontext dieser beiden Passagen oder für die Menschen, für die Paulus schrieb, wirklich bedeuteten. Es gab zahlreiche griechische Ausdrücke für gleichgeschlechtliche Akte bzw. "Homosexuelle", die Paulus jedoch nicht wählte. Irgendwie haben Übersetzer diese beide Wörter mit verschiedenen "homosexuellen" Bedeutungen belegt.
Man beachte die beiden folgenden Versionen eines Auszugs aus 1 Korinther 6,9 (1 Timotheus 1,10 ist sehr ähnlich):
Version I: Weder die Hurer, noch die Abgöttischen, noch die Ehebrecher, noch die Weichlinge, noch die Knabenschänder ...
Version II: Weder sexuell Verwerfliche, noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch männliche Prostituierte, noch homosexuelle Missetäter ...
Version III: Weder Sittenlose, noch Götzenanbeter, noch Ehebrecher, noch sexuell Pervertierte ...
Version IV: Weder Unzüchtige, noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Lustknaben, noch Knabenschänder, ...
Version V: Weder Hurer, noch Götzenanbeter, weder Ehebrecher noch homosexuell Pervertierte ...
Welche Version gibt am besten wieder, was wirklich gemeint ist, wenn die ursprünglichen Wörter nicht "homosexuell" bedeuteten? Es ist schon merkwürdig, dass manche Seelsorger Schwule und Lesben kühn verdammen, wenn sich die Gelehrten und die verschiedenen Bibelübersetzungen nicht einmal einig sind, was bestimmte Wörter nun eigentlich bedeuten!
Römer 1,26-27 ist die dritte, oft zitierte Passage aus dem Neuen Testament: "Darum hat sie auch Gott dahingegeben in schändliche Lüste. Denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen; desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann mit Mann Schande getrieben ...
Verdammt diese Passage wirklich Menschen, die "von Natur aus" oder "veranlagungsgemäß" homosexuell" sind? Sie besagt, dass man keinem sexuellen Verhalten frönen soll, das für einen unnatürlich ist. Sie besagt, dass Heterosexuelle nicht versuchen sollten, homosexuell zu werden. Daraus ist der Umkehrschluss zu ziehen, dass Schwule und Lesben auch nicht versuchen sollten, heterosexuell zu werden.
John McNeill, ein römisch-katholischer Gelehrter, behauptet, es gebe reichlich Beweismaterial, dass die Bibelschreiber wahrscheinlich genau das im Sinn hatten, was auch wir Perversion nennen würden, nämlich die homosexuelle Betätigung derer, die von Natur aus heterosexuell sind. Die Autoren hätten jedoch erwartet, dass alle Menschen von Natur aus heterosexuell seien. In der Tat glich ihr Verständnis dessen, was "natürlich" ist, nicht dem unseren.
Beispielsweise erklärte Paulus, dass für Männer langes Haar unnatürlich sei (1 Kor. 11,14). Für Paulus beinhaltete "natürlich" die zu der Zeit allgemein erwarteten Charakteristika bzw. kulturellen Normen und nicht den modernen Glauben an wissenschaftliche oder biologische "Naturgesetze".
Der anglikanische Theologe Norman Pittenger postuliert: "Für einen Mann oder eine Frau, deren sexuelles Verlangen unweigerlich auf ihr eigenes Geschlecht gerichtet ist, ist das Ausleben ihrer homosexuellen Triebe in der Tat ein Mittel, Gott zu preisen und ihr eigenes Ich der göttlichen Liebe in zwischenmenschlichen Beziehungen zu öffnen."
"Ich weiß und bin gewiß in dem HERRN Jesus, daß nichts gemein ist an sich selbst; nur dem, der es rechnet für gemein, dem ist's gemein." (Römer 14:14)
Die Bibel birgt gute Botschaften!
Wenn wir diese Beobachtungen aufstellen, sind wir in keiner Weise darauf aus, die Bibel abzuwerten oder die Glaubwürdigkeit ihrer Inspiration bzw. ihre Bedeutung für ein christliches Leben zu leugnen. Ganz im Gegenteil, wir bekräftigen, dass uns die Bibel viel zu sagen hat, aber wir müssen hören und erfahren, was sie wirklich sagt, und nicht, was sie laut Behauptung anderer Leute sagt - nämlich ihrer Übersetzer und Interpreten.
Menschen können Fehler machen und Doktrinen entwickeln, die die Bibel selber gar nicht lehrt, die aber von anderen für bare Münze genommen werden. Können wir wirklich glauben, dass ein Jesus Christus, der Liebe predigte, Liebe lebte (mit Frauen, Fremden, Sündern und Ausgestoßenen), der sein Leben am Kreuz gab, um uns Gottes Liebe für alle Menschen zu zeigen - können wir also glauben, dass ein derart liebender Jesus, der das menschliche Grundbedürfnis nach Liebe und deren körperlicher Erfüllung anerkannte, von Legionen von Homosexuellen verlangen würde, ein zölibatäres Leben zu führen und ihres natürlichen Bedürfnisses nach Intimität zu entsagen oder aber sich der ewigen Verdammnis preiszugeben? Bestimmt nicht der liebende Jesus aus der Bibel!
Jesus ist für unsere Sünden und nicht für unsere Sexualität gestorben. Jesus befreit uns zu einem neuen Leben der Liebe zu Gott. Weder heterosexuelle noch homosexuelle Liebe an sich ist sündig. Sexuelle Akte werden zur Sünde, wenn wir jemand anders ausnutzen oder missbrauchen und dabei den Pfad der Liebe verlassen. Die Beziehung zwischen zwei Frauen oder zwei Männern kann genauso liebevoll wie die Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann sein. Jesus ist für die Sünden homosexueller UND heterosexueller Menschen gestorben. Daher können Schwule und Lesben jederzeit auf die selig machende Gnade von Jesus Christus zählen und offen und ehrlich zu ihren sexuellen Gefühlen stehen.