HIV/AIDS: GOTTES STRAFE?

* Diese Broschüre wurde ursprünglich im Jahre 1985 in Zusammenarbeit mit der Commission on Faith, Fellowship and Order der Universal Fellowship of Metropolitan Community Churches (UFMCC) erstellt. Pfarrerin Jennie Boyd Bull, Vorsitzende.
* Die Revisionen aus dem Jahre 1994 stammen von Pfarrer A. Stephen Peters, (c)1994 UFMCC.

Ist HIV eine Strafe oder ein Urteil Gottes? Die entschiedene Antwort vieler gläubiger Menschen lautet "Nein! Auf gar keinen Fall!" Und dennoch ist die Frage auch immer wieder mit "Ja" beantwortet worden. In der Tat lobpreisen manche Anhänger der radikalen religiösen Rechten in Amerika Gott für diese tragische Epidemie, die in allen Teilen der Welt das Leben von Hunderttausenden von Menschen fordert. Da HIV/AIDS in den ersten Jahren der Epidemie in der westlichen Welt hauptsächlich mit Schwulen assoziiert wurde, benutzen viele Mitglieder der radikalen religiösen Rechte diese Pandemie als Waffe zur Durchsetzung ihrer eigenen homophoben Agenden.

Die Vorstellung, HIV/AIDS sei eine Strafe Gottes, fußt auf drei fehlerhaften Annahmen:

  • homosexuelle Akte seien Sünde
  • Gott bewirke Leid und Schmerz
  • Gott bestrafe Sünde mit Krankheit

  • Diese fehlerhaften Annahmen sind auf eine bestimmte Einstellung zu Gesellschaft, Sexualität und Gottes Wirken in der Welt zurückzuführen.

    Homophobie (irreale Angst vor, Hass auf und Ablehnung von Lesben und Schwulen) basiert auf diesen Annahmen und der daraus folgenden Weltsicht sowie auf einem tragischen Missverständnis dessen, was Jesus Christus eigentlich bedeutet. Christen sind verantvortlichen, diese Angst und die Missverständnisse zu überwinden und als Zeugnis von Gottes Liebe und Gnade zu leben.

    Sind homosexuelle Akte Sünde?

    Die Bibel enthält ein paar Passagen, von denen behauptet wird, sie würden homosexuelle Akte verdammen. Diese Passagen werden derzeit heiß debattiert. Manche Christen glauben, diese Passagen würden alles homosexuelle Verhalten verdammen. Jedoch kommen immer mehr Bibelexperten zu der Überzeugung, dass diese Passagen lediglich bestimmte sexuelle Akte verurteilen, die götzendienerisch oder missbräuchlich sind.

    Beispielsweise sind zahlreiche Bibelgelehrte der Meinung, dass die Geschichte von Sodom und Gomorrha (Mose 19) Vergewaltigungen, nicht jedoch Homosexualität, verdammt. Eine Vergewaltigung ist ein gewalttätiger Akt und in liebevollen gleichgeschlechtlichen Beziehungen irrelevant.

    Andere Bibelpassagen, z. B. Hesekiel 16,49-50, nennen Ungerechtigkeit und Götzendienst als die Sünden dieser Städte. Außerdem weisen manche Religionsexperten darauf hin, dass sich bestimmte Passagen im Neuen Testament, beispielsweise 1 Korinther 6,9 und Römer 1,24-27, mit sexuellen Verhaltensweisen befassen, die lieblos und missbräuchlich sind (z. B. Pädophilie oder die in jener Zeit gängige Tempelprostitution). Aber selbst dann predigt die christliche Botschaft Vergebung und Heilung.

    Von Jesus sind keine Aussagen bekannt, die Homosexualität verdammen, jedoch viele zu Glaube, Liebe und Hoffnung. Bestimmte unumstrittene Bibelpassagen versichern uns, dass jeder über den Glauben zu Gott finden kann.

    Johannes 3,16 lehrt, dass jedem, der an Jesus glaubt, das ewige Leben geschenkt wird. Lesben und Schwule, die an Jesus glauben, gehören zu "jedem" (wie in Johannes erklärt). Es ist nicht nur so, dass die Bibel liebevolle gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht verdammt, sondern sie enthält auch zahlreiche positive Darstellungen und Erwähnungen körperlicher Intimität und Sexualität. Beispiele hierfür sind die Geschichten von Ruth und Naomi sowie die von David und Jonathan und das Hohelied Salomos.

  • Viele Christen sind heutzutage der Überzeugung, dass Sexualität, sowohl hetero- als auch homosexuelle, ein Geschenk Gottes ist.

  • Lesben und Schwule dürfen nicht vergessen, dass Sex etwas Positives ist.

  • Gläubige Menschen sollten Sex als etwas von Natur aus Gutes zelebrieren und bejahen.


  • Bewirkt Gott Leid und Schmerz?

    Warum leiden Menschen? Alle Religionen haben sich mit diesen Fragen auseinandersetzen müssen. Menschliches Leiden gibt es überall auf der Welt zur Genüge, darunter Hunger, Krankheit, Armut und zahlreiche Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Heißt das, dass diese Dinge Gottes Wille sind und dass es daher Gottes Wille ist, uns leiden zu lassen?

    Das Böse ist eine äußerst reale Kraft auf dieser Welt, die aber dennoch nicht Gottes Werk ist (Markus 1, 32-34). Und HIV/AIDS ist mit Sicherheit ein verheerendes Übel, das von Gott nicht gewollt ist. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, dass Schwule, Bluter, mit HIV geborene Babys, Drogenspritzer oder sonst jemand mit HIV/AIDS leben sollten. Jesus hat niemals durch Krankheit Menschen bestraft, er hat sie geheilt. HIV/AIDS ist eine Tragödie. Und Gott leidet mit allen, die ihr zum Opfer fallen oder die deswegen einen geliebten Menschen verlieren.

    Überall passieren schlimme Dinge. Wir müssen oft schuldlos leiden, denn die Welt kann ein unfairer und ungerechter Ort sein. Gott schafft weder Chaos noch Ungerechtigkeit. Gott schafft Ordnung aus dem Chaos und fordert Gerechtigkeit ein, wenn Ungerechtigkeit herrscht. Gott bewirkt keine Tragödien, sondern heilt uns von unseren Leiden. Manchmal heilt Gott durch körperliche Wiederherstellung, manchmal durch die große Gnade, im Angesicht des Leidens oder gar des Todes über sich selbst hinauszuwachsen (1 Korinther 12,9).

    Ein Beispiel für Gottes heilende Gnade wird wunderbar von einer Frau beschrieben, die einen guten Freund hatte, der an AIDS-Komplikationen gestorben war: "Er war als Kind von seiner Mutter misshandelt und im Stich gelassen worden. In seinen letzten Lebensmonaten zog seine Mutter jedoch zu ihm und pflegte ihn rund um die Uhr. Während dieser gemeinsamen Zeit verheilten die alten Wunden, man versöhnte und vergab sich gegenseitig, und der Glaube konnte wachsen. Meinem Freund wurde die heilende Gabe der Familie und der Liebe zuteil, die er zuvor nie gekannt hatte."

    Auch wenn die Ungerechtigkeit einer Tragödie in unser Leben eindringt, kann uns die leidenschaftliche Liebe Gottes in Form von Heilung und persönlichem Wachstum Gutes bringen. Wir können Gottes heilende Hand in unseren Tränen der Trauer und unseren Zornesschreien finden. Wir können Gottes heilende Hand in den liebevollen und tröstenden Worten anderer finden. Und vor allem können wir Gottes heilende Hand durch den inneren Frieden finden, der durch Gottes Beistand und Verheißungen entsteht. Wir wissen, dass Gott in all seinem Tun für die, die Gott lieben, Gutes bewirkt (Römer 8,28).

    Wird Sünde mit Krankheit bestraft?

    Bestraft Gott schwule und lesbische Menschen mit HIV/AIDS? Ähnliche Fragen werden schon seit Jahrhunderten gestellt, lange bevor HIV/AIDS zum Thema wurde. Jedes Mal, wenn eine mysteriöse Krankheit oder ein Unglück einen bestimmten Personenkreis heimgesucht hat, hat es Behauptungen gegeben, Gott hätte dieses Unglück als Bestrafung der Betroffenen bewirkt.

    Hätte Gott aber der lesbischen und schwulen Community tatsächlich HIV/AIDS als Geißel geschickt, dann wiese dieser Plan einige Fehler auf. Es sind ja auch unzählige andere Menschen, die weder schwul noch lesbisch sind, infiziert und betroffen. Wie würde man beispielsweise erklären, dass HIV/AIDS in Zentralafrika die Bevölkerung dezimiert, wo das Virus hauptsächlich auf heterosexuellem Weg übertragen wird?

    Es gibt eindeutig keine Rechtfertigung für die These, Gott habe die lesbische und schwule Community verurteilt oder HIV/AIDS als Strafe geschickt. Sind alle Frauen mit Brustkrebs Opfer von Gottes Zorn? Werden Menschen afrikanischer Abstammung mit Sichelzellenanämie bestraft? Haben Juden etwas verbrochen, womit sie das Tay-Sachs-Syndrom verdient hätten?

    Es ist bekannt, dass HIV/AIDS in den USA farbige Bevölkerungsgruppen disproportional heimsucht. Heißt das, dass Gott farbige Menschen verurteilt hat? Die meisten Menschen würden diese Fragen mit einem entschiedenen "Nein" beantworten! Bereits zu Lebzeiten Jesu hatten die Menschen ähnliche Fragen. Genau wie heute glaubten viele, dass Leiden eine direkte Folge von Sünde sein. Jesus stellte diese Annahme jedoch infrage.

    Einmal sah er einen Mann, der von Geburt an blind war. Seine Jünger fragten ihn: "Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde?" Jesus antwortete: "Weder er noch seine Eltern haben gesündigt. Sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden" (Johannes 9,1-3). Sodann machte Jesus sich daran, den blinden Mann zu heilen. Auch Christen müssen sich der Vorstellung, HIV/AIDS oder sonstige Krankheiten seien Strafe für eine Sünde, widersetzen.

    Gläubige Menschen müssen genau wie Jesus Christus anderen eine heilende Hand reichen. Anstatt Leiden als Vergeltung Gottes zu verstehen, kann Gott dadurch seine Liebe zeigen. Wenn Christen jenen, die mit HIV oder AIDS geschlagen sind, die Hand reichen, können sie das Leiden in ein lebendiges Beispiel für Gottes Liebe verwandeln.

    Welche Verantwortung haben gläubige Menschen?

    Die heutige Kultur sieht Sünde und das Böse häufig als Sache des Einzelnen an, während die Bibel von der Sünde oft als etwas spricht, das Menschen als Gruppe betrifft. Somit geschieht Böses in Gruppen, in Strukturen und in Kräften, die sich der Kontrolle des Einzelnen entziehen. Daher muss eine ehrliche Reaktion auf HIV/AIDS sowohl gruppendynamisch als auch individuell sein.

    Wenn liebevolle homosexuelle Akte nichts Böses sind, Gott kein Leiden bewirkt und Lesben und Schwule nicht mit HIV/AIDS bestraft, was hält Menschen, vor allem homosexuelle Männer und Frauen, davon ab, ehrlich zu antworten?

    Eine Antwort ist Homophobie, also irreale Angst vor, Hass auf und Ablehnung von Lesben und Schwulen.

    Homophobie hat auf Lesben und Schwule negative Auswirkungen, wenn sie meinen, mit ihrer Sexualität stimme etwas nicht. Sie stellen ihren Selbstwert infrage und fangen an, sich selber zu hassen. Das daraus resultierende geringe Selbstwertgefühl führt dazu, dass manche sich nicht mehr an Safe-Sex-Praktiken halten. Und gerade junge Schwule und Lesben hält dieser Mangel an Selbstwertgefühl, den sie sich aufgrund der Homophobie in der dominanten Kultur angewöhnt haben, davon ab, in ihrem Sexleben überhaupt erst Safe-Sex-Praktiken anzuwenden.

    Zusammen mit dem Gefühl der Unverwundbarkeit gegenüber Krankheiten, das gerade unter jungen Leuten sehr verbreitet ist, führt diese geringe Selbstschätzung dazu, dass die HIV-Infektionsrate unter jungen Menschen besonders schnell zunimmt. Von Kindesbeinen an wird Menschen mit Dingen wie Homo-Witzen und dem Mangel an positiven Vorbildern Homophobie eingetrichtert. Sich der Angst vor der eigenen Sexualität und Identität zu stellen, ist der erste Schritt aus der Lähmung, die einen großen Teil der schwulesbischen Community gefangen hält.

    Freiheit von Homophobie ist ein wichtiger erster Schritt zur Verhütung und Eliminierung dieser tragischen Krankheit.

    Jesus sprach: "Die Wahrheit wird euch freimachen" (Johannes 8,32). Und dennoch leugnen Menschen oft die Wahrheit oder weigern sich aus Angst, etwas über HIV/AIDS zu lernen. Allen Gläubigen obliegt die Pflicht, sich selber und allen, die sie erreichen können, Wissen zu lehren. Viele Menschen fürchten das Risiko einer Ansteckung mit HIV/AIDS; diese Angst kann man jedoch mit Fakten besänftigen. Gläubige, die die Fakten über die Ansteckungswege von HIV kennen, können ein aktives Sexleben haben und trotzdem HIV-negativ bleiben.

    Gläubige Menschen sind aufgerufen, dem Beispiel Jesu zu folgen und mit HIV- und AIDS-Kranken gemeinsam zu essen, ihr Heim mit ihnen zu teilen (Matthäus 25,6), Menschen mit HIV und AIDS anzurühren, ihnen Vertrautheit zu geben (Matthäus 8,2-4) und sie zu heilen (Lukas 17,11-19).

    Eine getreue, vertraute Teilnahme am Leben von HIV-/AIDS-Kranken, durch die wir für Jesu heilende Berührung Zeugnis ablegen können, ist eine der wichtigsten Verantwortungen aller Gläubigen.

    Ist HIV oder AIDS eine Strafe bzw. ein Urteil Gottes?

    Viele gläubige Menschen beantworten diese Frage mit einem entschiedenen "Nein" Auf gar keinen Fall!" Diese Pandemie ist eine Tragödie. Sie schenkt Gläubigen jedoch die Gelegenheit, selbst im Angesicht von Leiden, Tod und Trauer Gottes Liebe und heilende Gnade zu bezeugen.

    LITERATURVERZEICHNIS:

    Universal Fellowship of Metropolitan Community Churches, Homosexualität und die Bibel.

    Boswell, John. Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality. Chicago: The University of Chicago Press, 1980.

    Eastman, Rev. Elder Donald. Homosexuality : Not a Sin, Not a Sickness. Los Angeles: Universal Fellowship Press, 1990.

    Fortunato, John E. AIDS: The Spiritual Dilemma. San Francisco: Harper & Row, 1987.

    Kushner, Harold S. When Bad Things Happen to Good People. New York: Avon Books, 1981.

    Russell, Letty M. The church With AIDS. Louisville, KY: Westminster/John Knox Press, 1990.

    Scanzoni, Letha and Mollenkott, Virginia Ramey. Is the Homosexual My Neighbor? Another Christian View. San Francisco: Harper & Row, 1978.

    Wenn Sie weitere Informationen wünschen:

    Wenden Sie sich an Ihr örtliches AIDS-Projekt, eine Nichtregierungsorganisation, Ihre Metropolitan Community Church oder an

    Universal Fellowship of Metropolitan Community Churches
    P.O. Box 691728
    West Hollywood, CA 90069 U.S.A.
    Telefon: (310) 360-8640
    FAX: (310) 360-8680
    www.MCCchurch.org



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